28. Mai 2015

Zweite Leseprobe zu Fatal Selection [2] - Anarchie

Halbzeit! Und das bedeutet: Zeit für eine neue Leseprobe. Es wird ein neuer Charakter vorgestellt: Ben. Viel Vergnügen :)



2. Leseprobe aus "Fatal Selection [Band 2] - 'Anarchie'"


Das schwache Licht schien unwirklich, ein gelblich trüber Nebel umgab die Straßen, die um diese Uhrzeit sonst schon von tiefer Schwärze umgeben waren. Es war Anfang Juli und vor 23 Uhr wurde es nicht dunkel, doch hell war es in den Häuserschluchten auch nie. Die Straßenbeleuchtung ist schon vor Jahren abgestellt worden, es gab nicht genügend Ressourcen zur Stromerzeugung. Es war wahrscheinlich auch besser so, denn dadurch sprang einem das Elend dieses Viertels nicht direkt ins Auge.
Ben lief die Hauptstraße entlang, die sich Prostituierte, Dealer und andere zwielichtige Gestalten teilten, und betrat Wolfgang's Dönerbude, ein kleiner, heruntergekommener Laden im Erdgeschoss eines grauen Wolkenkratzers. Die drei Stehtische waren voll besetzt und er nickte den Gästen beim Eintreten kurz zu. Sie kamen aus der Gegend. Man kannte sich. Ben grüßte Wolfgang, der hinter dem Tresen stand, mit einem Handschlag.
"Deiner is' schon fertig. Bist heut 'nen paar Minuten spät dran, wa'?", fragte Wolfgang mit seiner verrauchten, kratzigen Stimme und legte ihm einen riesigen, in Alufolie verpackten Döner auf die Theke. Extra Knoblauch, extra Chili und extra Fleisch. Ben musste annehmen, dass es Straßenhund war, doch solange es schmeckte und ihn satt machte war ihm das egal. Er drückte ihm eine Mark in die schmutzige Hand und nahm sein Abendessen.
"Meine Nachbarin hat mich aufgehalten", gab er als Antwort zurück.
"Ach, die aufdringliche Hure?" Wolfgang nahm ein langes Messer und begann langsam das angekokelte Fleisch von dem sich endlos drehenden Spieß zu schneiden.
Ben musste grinsen. "Genau die."
"Junge, wenn du sie nich' willst, schick sie zu mir! Ich bin total blank und wenn mir's eine umsonst besorgt, hab ich 'ne Ausgabe weniger diesen Monat." Er nahm ein Stück von dem Hundefleisch und stopfte es sich in den Mund.
"Ich werd sie mal fragen."
"Ja aber wirklich jetz', Junge. Tztz, wer nich' will der hat schon, wa‘?" Er lachte schallend und es flogen Bröckchen von Fleisch und Spucke aus seinem Mund.
"Schau dir doch den Burschen mal an, Wolfi, natürlich hat der schon!", rief Karl, einer der Männer von Tisch Zwei. Er wohnte im gleichen Gebäude wie Ben und kam manchmal vorbei um sich an seinem Fernseher Boxkämpfe anzusehen.
Die anderen fingen rasselnd an zu lachen, bis der Laut in ein Röcheln und dann in die ersten Hustenanfälle überging. Es wurde heutzutage geraucht was den Leuten unter die
Finger kam, da machte die Lunge irgendwann nicht mehr mit.
"Mann genießt und schweigt", sagte Ben und klopfte Karl auf den Rücken. "Und du solltest bei deinen Aktivitäten lieber mal ein wenig kürzertreten, bist ja auch nicht mehr der Jüngste."
"Wo er recht hat, hat er recht, Karl!", rief Rüdiger, der offensichtlich Probleme hatte Luft zu bekommen.
"Ach, haltet doch das Maul. Lieber sterb ich an 'nem Herzinfarkt auf 'ner Hure, als mir irgendwann meine Lunge krümelweise auszuhusten. Ich weiß, du hast die Option gar nich‘ erst, also kannste auch gar nich' mitreden", murrte Karl und versuchte sich mit seinen zittrigen Händen den Zigarettenstumpf wieder anzuzünden.
"Ich hatte schon meine erste Hure, da hast du noch in die Windeln geschissen", gab Rüdiger zurück und machte mit seinen verschwitzten Handinnenflächen feuchte Furzgeräusche.
Ben hielt es für besser sich aus dem Staub zu machen, bevor die Diskussion wieder ausartete und er die halbe Nacht damit verbringen musste die alten Streithähne auseinanderzuhalten. Er verabschiedete sich schnell und verließ den Laden. Er zog die ehemalige Glastür, die nun von mehreren Lagen Staub belegt war und keinen Blick mehr durchließ, hinter sich zu und bog nach rechts ab.
Er lief durch die Unterführung der U-Bahn-Station Ostkreuz, vorbei an den altbekannten Dealern und Schwarzhändlern. Er wäre geschockt, wenn er hier mal ein neues Gesicht sehen würde. Die Anwohner dieser Gegend waren sehr territorial und wenn jemand Neues versuchen sollte sich auf einer der Straßen rund um den Bahnhof zu etablieren, würde er schneller mit einem Messer im Rücken am Bordstein liegen als er bis drei zählen konnte.
Ben wohnte hier schon sein ganzes Leben lang. Früher mit seinen Eltern und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester, bis er schließlich alleine übrig geblieben war. Seine Mutter verließ ihn als Erstes, entschied sich für den Freitod als er 14 war. Sie erhängte sich mit einer ihrer dehnbaren Strumpfhosen im Bad, baumelte über der Wanne als er gerade aufs Klo wollte.
Seinen Vater schmiss er raus als er 18 wurde. Hätte er es schon früher gekonnt, hätte er es getan. Seine Schwester blieb am längsten. Sie starb mit 15 an der Überdosis irgendeiner zusammengemischten Droge, die sie einem Dealer abgekauft hatte, der sich später wünschte, dass er sie nie getroffen hätte. Ben war nicht zimperlich gewesen und hatte ihm einen langsamen und qualvollen Tod bereitet. Normalerweise tötete er schnell, er hatte kein Verlangen danach seine Opfer leiden zu sehen. Er hatte nie aus Vergnügen getötet. Er tötete aus Rache. Oder aus Liebe. Seine Schwester war der letzte Mensch gewesen, den er geliebt hatte. Nachdem er den letzten Verantwortlichen für ihren Tod ausfindig gemacht hatte, war auch sein Rachefeldzug beendet gewesen. Das war vor sechs Jahren.
An einem Punkt, an dem er nichts mehr gehabt hatte, wofür es sich zu leben lohnte, traf er Sven. Er war ehemaliger Profi-Boxer und hatte seine besten Jahre schon hinter sich. In einem Kellerraum am Ostkreuz führte er seinen eigenen Box-Klub, wo er junge Leute trainierte, die sich auf der Straße verteidigen mussten oder ihre Aggressionen unter Kontrolle bringen wollten. Er las Ben bei einem seiner Raubüberfälle auf und lud ihn zu einer Probestunde ein. Da er kein Geld hatte, ließ Sven ihn kostenlos an seinen Sandsäcken üben. Für ihn war es das ideale Ventil, um seine Trauer und seinen Hass auf eine nicht-zerstörerische Art und Weise unter Kontrolle zu bringen. Daher blieb er. Als Sven im Alter von 208 starb, vermachte er ihm seinen Klub. Seit drei Jahren führte er diesen nun mit großem Erfolg und der Andrang war enorm. Er spezialisierte sich auf die schwierigen Fälle, er wollte so viele Kids wie möglich aus der Gewaltspirale der Straße ziehen, waren es nun Opfer oder Täter.
Der Box-Klub befand sich im ersten Wolkenkratzer hinter dem Bahnhof. Er schloss die schwere Stahltür auf und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Direkt neben der Eingangstür befand sich seine Wohnung. Sie war klein und durch die Lage im Erdgeschoss recht hellhörig, vor allem nachts hörte er die Pistolenschüsse an seinen Wänden widerhallen. Er verdiente mit seiner Arbeit als Boxtrainer sehr gut und könnte sich etwas Besseres leisten, doch hier wohnte er geradewegs über seinem Studio, mit seinen Nachbarn kam er gut zurecht und alles, was er zum Leben brauchte, war in unmittelbarer Nähe. Also blieb er.
Er betrat seine Wohnung und ließ die Haustür offen stehen, da gleich einige seiner Kids zum Training kommen würden. Er hatte keine Feinde. Nicht in dieser Gegend. Viele hatten seinen Rachefeldzug am eigenen Leib zu spüren bekommen und wussten, dass man sich mit ihm lieber nicht anlegte. Er zog seine schwarzen Lederstiefel aus, ließ sich auf sein Sofa fallen und überschlug die Beine auf dem kleinen Tisch. Dann packte er den Döner aus, nahm seinen Kriminalroman in die Hand und lehnte sich entspannt zurück. Er war fast fertig, als er einen Schatten aus dem Augenwinkel wahrnahm.