1. Januar 2016

Leseprobe zu Die Probanden [Teil 1] - Alicia

Viel Vergnügen bei einer kleinen Leseprobe zu meinem aktuellen Nebenprojekt! Es handelt sich um den ersten Teil einer neuen Sci-Fi-Reihe. Veröffentlichungstermin ist voraussichtlich der 8.1.2016.



Leseprobe zu Die Probanden [Band 1] - Alicia


"Reicht das langsam?", fragte sie und ihr Blick schweifte über die zahlreichen Röhrchen, die mit ihrem frischen Blut angefüllt waren.
"Wir machen ein großes Blutbild. Damit wir so viele Komponenten wie möglich abdecken können. Aber ich bin gleich fertig." Die Arzthelferin kannte sie noch nicht. Sie war unfreundlicher als diejenigen, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatte. Vielleicht eine Oberschwester. Alicia schätzte sie auf Mitte 40. Ihre kurzen, mausbraunen Haare hatte sie mit zwei Klammern streng zurückgesteckt, ihr silbernes Brillengestell saß auf der Spitze ihrer Nase. Alicia wartete nur darauf, dass sie hinunterfiel und ihr die Kanüle aus der Armbeuge riss.
"Haben Sie denn schon irgendeinen Anhaltspunkt? Ich bin doch sicherlich nicht die Einzige mit diesen Problemen?"
Als sie die Praxis betreten hatte war sie erstaunt gewesen, dass das Wartezimmer relativ leer war. Sie hatte einen großen Ansturm erwartet. Vielleicht hatte tatsächlich nur wenige mit Nebenwirkungen zu kämpfen. Oder sie war sogar ein Sonderfall. Oder alle anderen wollten diese Prozedur nicht über sich ergehen lassen.
Sie protestierte abermals, denn sie fühlte bereits wie die Schwäche sie übermannte.
Die Arzthelferin löste das letzte gefüllte Röhrchen und entfernte die Kanüle aus ihrem Arm. Unsanft presste sie ihr ein Wattepad auf die schmerzende Einstichstelle und verschwand dann mit ihrem Blut in einem Nebenzimmer.
"Ich verstehe ja wenn Sie nicht über andere Patienten sprechen dürfen, aber ich wüsste schon gerne was mit mir nicht stimmt. Immerhin wurde mir diese Studie als absolut harmlos bescheinigt."
"Sobald wir näheres wissen, werden wir Sie informieren", sagte die Oberschwester kurz angebunden.
"Und bis dahin schlafe ich jetzt einfach nicht mehr?"
Nicht alle Veränderungen, die in ihr vorgingen, hatte sie der Klinik angegeben. Sie wusste ja selber nicht genau, welche Symptome echt waren und was sie sich nur einbildete. Außerdem wollte sie nicht als verrückt abgestempelt werden. Also blieb sie lieber bei dem offensichtlichen Hauptproblem.
"Wir geben Ihnen ein stärkeres Schlafmittel mit."
"Als ob das wirkt. Ihre anderen Mittelchen haben mir auch nicht geholfen. Vielleicht sollte ich zur Sicherheit noch eine
andere Klinik aufsuchen. Eine Zweitmeinung kann nicht schaden."
"Dies ist Ihnen nicht erlaubt", wies sie Alicia schroff zurecht. "Sie haben sich mit der Einwilligung zur Teilnahme an der Studie zur Geheimhaltung verpflichtet. Eine Weitergabe der Details zu unserer Medikamentenstudie ist Ihnen untersagt."
"Das kann ja wohl nicht sein. Es geht hier um meine Gesundheit!"
"Sollte Ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet sein und wir könnten Ihnen in unserer Klinik nach Erschöpfung aller Mittel nicht mehr weiterhelfen, werden wir Sie an eine andere Klinik überweisen. Bis dahin werden Sie von uns behandelt."
Alicia sah ein, dass bei dieser Frau Widerworte zwecklos waren. Sie folgte ihr in einen weiteren Untersuchungsraum und ließ sich Elektronen an ihre Brust heften. Dann stieg sie auf das Fitness-Fahrrad und folgte den Instruktionen der unsympathischen Oberschwester. Als sie gerade einen Dauerlauf hinlegen musste, wobei sie sorgsam darauf achtete ihr Tempo gering zu halten und wenigstens so zu tun als würde sie die sportliche Betätigung anstrengen, hörte sie auf einmal einen ohrenbetäubenden Lärm aus dem Flur.
Die Schwester verließ alarmiert den Untersuchungsraum um nach dem Rechten zu sehen und befahl Alicia weiterzumachen. Doch sie dachte gar nicht daran und als der Lärm anschwellte, lief sie ihr hinterher.
Auf dem Flur kamen ihr angsterfüllt schreiende Patienten entgegen und als ein Beistelltisch in ihre Richtung geflogen kam, bückte sie sich glücklicherweise noch im richtigen Moment. Er krachte gegen die Wand hinter ihr und zerschellte in seine Einzelteile.
Sie kämpfte sich in die Richtung, aus der die Menschen flüchteten. Der Rezeption und dem Wartezimmer. Ein Arzt kam ihr im wehenden weißen Kittel entgegen und blickte sie mit panisch geweiteten Augen an. Er zog sie am Arm und wollte sie hinter sich her zum Ausgang zerren.
"Laufen Sie, laufen Sie! Zum Ausgang!", schrie er.
Alicia riss ihren Arm aus seinem Griff und vergaß dabei ihre neu erworbene Kraft zu kontrollieren. Vom Schwung wurde er mitgerissen, rutschte mehrere Meter über den spiegelglatten Linoleumboden und blieb an der Wand liegen. Er rappelte sich auf und blickte sie an als wäre sie ein wild gewordenes Tier, welches gerade aus dem Zoo ausgebrochen war. In einer verzweifelten Geste schnappte er sich ein abgebrochenes Stuhlbein und schwang es vor sich hin und her, während er nach einem freien Ausweg suchte.
Sie beachtete ihn nicht und stürmte an ihm vorbei in die Rezeption. Dabei passierte sie mehrere Untersuchungszimmer, in denen Patienten randalierten. Medikamente flogen durch die Gegend, Glasfläschchen zerschellten an Wänden und man musste aufpassen, wo man hintrat. Es stank beißend nach Desinfektionsmittel. Als sie am Wartezimmer vorbeikam, herrschte auch dort ein heilloses Chaos. Stühle und Tische lagen kreuz und quer auf dem Boden, Zeitschriften waren zerfleddert und das Spielzeug aus der Kinderecke lag im ganzen Raum zerstreut.
An der Rezeption sah es nicht anders aus. Die unsympathische Oberschwester klammerte sich an einen Aktenschrank, offenbar um seinen Inhalt zu schützen. Soweit Alicia es überblicken konnte, war sie die Einzige vom medizinischen Personal, die das sinkende Schiff noch nicht verlassen hatte. Verbissen verteidigte sie, was auch immer sie für so wichtig hielt und trat nach einem Jungen, der sie packen wollte.
Alicia versuchte in dem Durcheinander jemanden ausfindig zu machen, der ihr erklären konnte was hier vor sich ging. Dann wurde sie mit einem Mal grob von hinten angerempelt und wirbelte herum. Sie packte den Jungen, der sie ein weiteres Mal beiseite stoßen wollte, und zog ihn zu sich heran. Als sie in sein wutverzerrtes Gesicht blickte, erkannte sie zu ihrem großen Erstaunen den kleinen, schmächtigen Jungen, den sie am Tag der Medikamentenstudie im Klinikflur über den Haufen gerannt hatte. Er trug keine Brille mehr und seine Schüchternheit war wie verflogen. Er versuchte sich aus ihrem Griff zu befreien, doch sie ließ nicht los.
"Was geht hier vor?", schrie sie ihm ins Gesicht und zog ihren Kopf ein, als eine Computertastatur auf sie zukam.
"Was fragst du so blöd? Du bist doch eine von uns", schrie er und versuchte abermals sich ihr zu entreißen. Sie war überwältigt von seiner unerwarteten Stärke, doch nicht so sehr wie von ihrer eigenen. Sie konnte schwören, dass sie ihm alle Knochen im Arm brach, doch er machte keinerlei Anzeichen, dass er Schmerzen hätte. Er sah einfach nur sehr sehr wütend aus.
"Was heißt eine von uns? Was passiert mit uns? Was ist das? Was zur Hölle geht hier vor?", schrie sie. Langsam verlor sie die Fassung. Wenn sie nicht bald Antworten bekam, würde sie genauso Amok laufen wie diese irregewordenen Randalierer.
"Alicia!", rief plötzlich jemand und sie hob den Kopf.
Oh nein, dachte sie. Nicht auch das noch.
"Wen haben wir denn da? Ich habe mich schon gefragt, wann wir uns wiedersehen. Jetzt, wo uns so viel verbindet." Tobias kam grinsend auf sie zu. Er hielt die Oberschwester am Ellbogen und schleifte die schreiende und zeternde Frau lässig über dem Boden hinter sich her.
Alicia stieß den Jungen von sich. "Das einzige was uns verbindet ist die Tatsache, dass wir beide der gleichen Spezies angehören", gab sie entnervt zurück.
"Da hast du absolut recht. Das tun wir wohl", sagte er und grinste noch breiter.
Alicia konnte die Schmerzensschreie der Oberschwester nicht mehr ertragen. "Lass sie los", befahl sie Tobias.
"Oder was?", fragte er zurück und verdrehte ihren Arm noch ein Stück weiter nach hinten.
Alicia stieß ihn zurück, doch er fing sich schnell und taumelte nur einen Schritt zurück.
"Unberechenbar diese Kräfte, nicht wahr? Aber man lernt schnell."
"Ich habe gesagt, du sollst sie loslassen", zischte sie und die Wut verlieh ihr die benötigte Kraft, um ihn mit einem Fußtritt mehrere Meter rückwärts zu befördern. Er ließ die Schwester los, die sich sofort aus dem Staub machte. Die Akten, die sie hat beschützen wollen, lagen verstreut auf dem Boden und einige der Randalierer wühlten sich durch die Papiere.
"Hola. Du hast offensichtlich auch schon ein wenig trainiert, was?", fragte Tobias belustigt und kam wieder auf sie zu. "Bist du in einer Gruppe?", fragte er dann ernsthafter und blieb vor ihr stehen.
"Was für eine Gruppe?"
"Oh Mann, du bist echt nicht so helle oder? Aber du hast schon kapiert, dass irgendetwas nicht mit dir stimmt? Und dass du da nicht die Einzige bist?"
"Was weißt du darüber?" Sie war verärgert, dass er offenbar mehr wusste als sie.
"Schließ dich uns an. Dann erfährst du alles was wir schon herausgefunden haben. So jemanden wie dich könnten wir gut gebrauchen." Er betrachtete sie von oben bis unten und legte wieder sein anzügliches Grinsen auf.
"Wer ist wir?", fragte sie schroff.
"Wir sind die Coolen", sagte er machte eine theatralische Handbewegung. "Vielleicht weißt du es nicht, aber es haben mehr Leute an dieser Studie teilgenommen als du glaubst. Da ist es nur sinnvoll, wenn man schon gleich zu Anfang zeigt wer hier das Sagen hat. Unsereins kann nämlich ziemlich ungemütlich werden. Besser man hängt sich an die richtigen Leute. Also was sagst du, bist du dabei? Noch nehmen wir Mitglieder auf."
"Danke, ich verzichte" entgegnete sie ihm und stieg über die Unordnung in Richtung Ausgang.
"Du machst einen Fehler, Freak!", rief er ihr hinterher. "Einen großen Fehler. Du wirst schon noch zu uns kommen und uns anflehen dich aufzunehmen"