Leseprobe "Erbe des Mondes" (Die Reiter des Himmels 2)


Kapitel 1 - Stella



Drei Jahre zuvor
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Stella legte ihren Kopf in den Nacken, ein leises Seemannslied auf ihren Lippen. Die Ellenbogen in die feuchte Erde gedrückt, ließ sie sich die Wintersonne ins Gesicht scheinen und beobachtete Phoenix und Noxana, die hoch über ihnen im strahlendblauen Himmel miteinander tollten. Die langen Schwänze der beiden Drachen waren ineinander verdreht wie ein leuchtender schwarz-gelber Zopf. Ihre Schwingen - Phoenix gelbfluoreszierenden und Noxanas tiefschwarzen - flatterten wie die Flügel gigantischer Libellen und erzeugten dabei Wirbelstürme, die an den Grashalmen zu ihren Füßen rissen und in regelmäßigen Abständen kleine Lawinen in die Täler des Drachengebirges stürzen ließen. Während ihres ausgelassenen Spiels stießen sie nach Lust und Laune durchdringende Schreie aus, die man bis nach Zilaa hören musste. Stella genoss Phoenix Übermut und Freude, auch wenn die Spielerei am Himmel ein wenig so aussah, als würde die Sonne mit der ewigen Finsternis ringen. 
Sie seufzte und wackelte mit ihren Zehen. Sie liebte den Winter. Er war so friedlich. Zwar spürte sie ihre Einsamkeit mehr als im Sommer, wenn sie vollauf damit beschäftigt war, den herunterprasselnden Aschebrocken und glühend heißen Lavaströmen auszuweichen, doch hatte der Winter etwas Beruhigendes an sich. Vielleicht lag es an dem Mond, der ungehindert und in seiner vollen Pracht am klaren Himmel stand. 
„Mondmagie ist etwas Wunderbares“, sagte sie und schloss ihre Augen. Es roch nach feuchtem Gras und Schnee. Und nach Drachenkraut. 
„Ja, das ist sie“, sagte Niola. Der Klang ihrer Stimme hatte Ähnlichkeit mit einer dünnen Eisscholle, durch welche sich sehr langsam ein Riss zog. 
„In einem der Bücher, welche ich mir letzten Monat aus der Zilaa Bibliothek mitgenommen habe, las ich, dass es früher Menschen gegeben hat, die Mondmagie besaßen“, sagte sie und strich sich eine goldene Locke aus ihrem Gesicht. „Sie nannten sich Menschen des Mondes.“
Die Sonne kitzelte in ihrer Nase und ließ ihre Haut goldig schimmern, so als wäre sie mit Partikeln des zerstoßenen Beinkleides eines Meermenschen überzogen. Sie wusste, dass dies eine Eigenart der Menschen am südlichsten Zipfel Sentras war. Manchmal fragte sie sich, wie ihre Mutter ausgesehen hatte. Ob sie die gleiche unbändige Lockenmähne besessen und sich auf ihren Wangen ebenfalls Sommersprossen getummelt hatten. Doch dann erinnerte sie sich, dass sie kein Mensch war. Und auch keine Mutter hatte. Und ihr Aussehen zusammen mit den goldenen Augen, die dem Reiter der Wahrheit eigen waren, wohl weniger auf ihre menschliche Abstammung zurückzuführen, sondern ein Geschenk des Himmels war. 
„Ist das wahr?“, fragte sie, als Niola auf ihre Bemerkung nicht reagierte. „Gab es tatsächlich Menschen des Mondes? Phoenix hat die Menschen mir gegenüber nicht erwähnt, als sie mir die Quellen der silbrigen Magie lehrte. Womöglich hat sie es auch nur vergessen.“
Phoenix konnte in der Tat sehr sturköpfig sein. An manchen Tagen hatte sie ihr die Lehren des Drachen regelrecht aus den großen Nüstern ziehen müssen. Für den Drachen der Wahrheit empfand Stella das als seltsame Ironie. Trotzdem würde sie Phoenix niemals gegen Noxana eintauschen wollen. Oder gar gegen Abraxas. Sie liebte ihren Drachen. Denn Phoenix war alles, was sie hatte. Sie war ihre Familie und ihre Freunde und ihr Leben. Und diese Tatsache machte sie zu gleichen Teilen glücklich wie traurig. 
„Du solltest nicht so viel lesen, Estella“, sagte Niola. Mit ihren Worten erreichte Stella ein bitterer Geruch. Sie hasste Drachenkraut. „Du solltest überhaupt nicht lesen. Die Lehren des Drachen sind das, was wir wissen müssen. Nicht mehr und nicht weniger. Bücher sind von Menschen geschrieben. Wir sind Boten des Himmels. Wir geben uns nicht mit den Worten der Erdenkreaturen ab.“
Stella stöhnte. „Aber mir ist so unendlich langweilig. Wenn der Himmel mir keinen Auftrag schickt, dann muss ich mich mit anderen Dingen beschäftigen. Außerdem sind die geschriebenen Worte der Menschen wahre Wunderwerke! Sie schreiben über Abenteuer und Magie und über die Liebe. Ach, Niola, wie wunderschön sie über die Liebe schreiben können! Du würdest nicht glauben -“
„Ich muss nichts glauben“, schnitt die schwarze Reiterin ihr barsch das Wort ab. Wie ein Eiszapfen, der erbarmungslos hinab sauste. „Ich weiß. Ein Reiter weiß alles. Alles, was er wissen muss, um seine Aufgabe zu erfüllen. Jedes zusätzliche Wissen hält uns nur von dieser Aufgabe ab. Es behindert uns. Führt uns hinters Licht. Der Himmel irrt nicht, Estella. Der Himmel irrt nie. Als er dich erwählte, gab er dir mit, was du brauchst, um seine Botin zu sein. Wenn er gewollt hätte, dass du dich mit den Worten der Menschen beschäftigst, dann hätte er dich als Menschen in diese Welt eintreten lassen. Doch du bist kein Mensch, Estella. Das darfst du nie vergessen. Niemals.“
„Hast du es jemals vergessen?“, fragte Stella und blinzelte der schwarzen Reiterin entgegen. Niolas pechschwarze Haare standen in einem harten Kontrast zu den schneebedeckten Bergen hinter ihr. Die feinen Härchen des silbrigen Wolfsfells um ihren Hals zitterten in dem Wind, den ihre Drachen heraufbeschworen. Noxana stieß in diesem Moment einen spitzen Schrei aus, der wie Eisregen auf sie niederging, all ihre Sinne schärfte und an ihren Nervensträngen zupfte. Stella schloss ihre Augen, suchte mit den Fingern nach dem kleinen Mondstein in einem Ledertäschchen an ihrer Rüstung und konzentrierte sich auf die darin befindliche Magie. Im Gegensatz zu Phoenix Schrei waren ihr die der anderen drei Drachen unangenehm. Als würde jemand mit Gewalt an ihren Haaren zerren und ihre Haut mit Säure überziehen. 
Niola schnippte einmal mit dem Finger, anstatt Noxana stumm herbeizurufen, so wie ein Reiter es tun sollte. Dies gehörte zu einem der Dinge, die sie an Niola bewunderte. Die Reiterin des Todes war anders als Alexander und Demetros. Es kam Stella so vor, als stände sie über allen Dingen. Sogar über den Lehren des Drachen. Und vielleicht sogar über dem Himmel selber. Alexander schimpfte sie alt, verbohrt und absonderlich. Wenn er solche Sachen sagte, würde sie ihm am liebsten ihren Mondstein an den Kopf werfen. Wie konnte er es wagen, sich in solch einer respektlosen Art und Weise über die Älteste der vier Reiter zu äußern?
Sicherlich hatte Niola auch ihr das Leben schwer gemacht, als sie noch eine junge Reiterin gewesen war. Doch Stella hatte irgendwann erkannt, dass hinter ihrer eiskalten, strengen und erbarmungslosen Fassade eine unabhängige, ehrgeizige und höchst unkonventionelle Reiterin steckte. Denn auch wenn sie die Lehren des Drachen penibel befolgte - oder zumindest sie bei jeder Gelegenheit rügte, wenn sie es nicht tat -, gab es bei ihr die ein oder andere Eigenheit, die nicht zu ihrem strengen Auftreten passte. So war sie bei der Wahl ihrer Aufträge auf eine Art wählerisch, die nicht mit den Lehren des Drachen übereinstimmte. Stella hatte diese Eigenart schon immer fasziniert. Und manchmal, wenn sie alleine in ihrer Lieblingshöhle hoch oben im Drachengebirge lag, fragte sie sich, ob sie das ebenfalls könnte. Selber entscheiden, wen sie urteilte. Und für wen sie tötete. Doch dafür müsste sie – selbstverständlich – erst mal einen Auftrag bekommen. 
Als Niola ihr nicht auf die Frage antwortete, hob Stella wieder ihre trägen Lider und sah die Reiterin an. Das Sonnenlicht brach sich auf ihrer schneeweißen Haut wie auf dem Ewigen Eis. Die tiefschwarzen Haare wogen sich sanft im Wind. Niola war voller Kontraste. Und voller Geheimnisse. Ob sie auch irgendwann ihr Alter und ihre Weisheit erlangen würde? Oder sortierte der Himmel sie zuvor aus, weil sie keine Aufträge erhielt? Weil niemand ihre Dienste wollte? Weil sie niemand wollte?
Sie schüttelte eilig ihren Kopf, da sie merkte, dass sie wieder einmal in Selbstmitleid versank. Selbstmitleid half ihr nicht weiter. Daher versuchte sie stets, es mit Optimismus zu ersetzen. Obwohl ihr Optimismus bislang ebenso wenig weitergeholfen hatte. 
Stopp, Stella. 
Eines Tages würde sie jemand brauchen. Irgendwann würde es passieren. Ja, irgendwann. 
Als Niola ihr immer noch nicht antwortete, sagte sie kurzerhand: „Ich vergesse manchmal, dass ich kein Mensch bin.“ 
Sie wusste nicht, warum sie es sagte, denn solche Dinge durfte sie nicht sagen. Schon gar nicht in der Gegenwart Niolas. Doch manchmal sprudelte die Wahrheit einfach aus ihr heraus, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen könnte. Es fiel ihr schwer, sie zu unterdrücken. Sie konnte nichts dafür. Der Himmel war Schuld. Er hatte sie zu dem gemacht, was sie war.
Die Wahrheit. 
„Menschen sind schwach, Estella. Sie müssen sich immer einer Macht beugen. Das ist ihr Schicksal.“
„Wir sind diese Macht“, schlussfolgerte Stella. „Wir. Der Himmel.“
Niola lachte. Es klang dermaßen eisig und bitter, dass Stella sich am liebsten in einen Kokon aus Feuer gehüllt hätte. Oder Mondmagie. „Nein, Estella. Wir sind Magie. Und der Mensch beugt sich schon lange nicht mehr der Magie. Etwas anderes hat ihren Platz eingenommen. Etwas sehr viel machtvolleres.“
„Etwas machtvolleres als Magie? Was soll das sein?“, fragte sie verwirrt. Nichts war mächtiger als Magie. Was Niola wohl meinte? Erwartungsvoll blickte sie die schwarze Reiterin an, deren mandelförmige Augen weit in die Ferne gerichtet waren. Sie standen so weit auseinander, dass ihnen nichts entging, und waren von solch einer tiefen Schwärze, als wären sie Eingänge in die Hölle. Wie der Schlund des Vulkans. So stellte sie sich Drachenstein vor. Genau so. 
„Gold“, sagte Niola dann. 
Stella stutzte. „Aber Gold hat doch die Magie nicht ersetzt. Gold gab es schon immer. So wie Magie. Wir werden mit Gold bezahlt. Der Himmel lässt sich mit Gold bezahlen. Magie und Gold. Es ist ein Kreislauf“, sagte sie mit Inbrunst, denn diese in ihren Augen sehr logische Schlussfolgerung erfüllte sie mit Stolz. Es klang wie etwas, das Niola sagen würde. Niola liebte den ewigen Kreislauf.
Der Himmel gibt und der Himmel nimmt. Er irrt nie. 
„Nein, Estella“, sagte die Reiterin zu ihrer Enttäuschung. Was hatte sie nun wieder Falsches gesagt? „Selbst der Himmel hat sich vor langer Zeit dem Gold unterworfen. Du musst wissen, Estella, früher wurden Reiter mit Magie bezahlt.“
„Mit Magie?“, fragte sie verwundert. Auch das hatte Phoenix ihr nicht erzählt. Dabei hätte sie diese Information äußerst interessant gefunden. Sie hatte schon immer mehr über die Geschichte der Reiter erfahren wollen. Doch bei diesem Thema waren die Lehren des Drachen erstaunlich verschwiegen. Ihre Träume hingegen weniger. Aber aus denen wurde sie auch nicht schlauer. Im Gegenteil.
„Aber ... warum hat der Himmel das Zahlungsmittel geändert? Wieso hat er sich dem Gold unterworfen? Wegen Lavia? Wegen der Goldvorkommen?“, fragte sie.
Ja, dachte Stella. Es musste mit dem großen Drachenfluch zusammenhängen, der Sentra vor fünfhundert Jahren getroffen hatte. Der Tag, an dem sich die Magie gegen die Menschen wandte. Der Tag, an dem das Schicksal des Himmels und der Welt entschieden wurde. Der Tag, an dem der Himmel dem Menschenstern eine zweite Chance gab. So hatte sie es in einem Buch der Menschen gelesen. 
„Wie Magie ist auch Gold ein Geschenk des Himmels“, sagte Niola. Stella meinte, dass die Luft um sie kälter geworden war. „Doch im Gegensatz zur Magie können die Menschen frei über es bestimmen. Über seine Verteilung, seine Verwendung und seine Bedeutung. Der Himmel verteilt Magie stets gerecht. Er kennt seine Kreaturen und gibt ihnen die Magie mit, welche sie verdienen, streut sie so, dass das Gleichgewicht zwischen Zerstörung und Heilung bestehen bleibt. Die Menschen jedoch verteilten das Gold nicht gerecht. Somit entstand ein Ungleichgewicht. Und irgendwann gab es Menschen, die mehr Gold besaßen, als andere Menschen Magie.“
„Der Kreislauf war unterbrochen“, sagte Stella. Ihre Neugier war vollends entfacht. Sie klebte gebannt an den blutroten Lippen der Reiterin. „Und deswegen gibt es keine Menschen mehr, die Mondmagie besitzen? Also hat es sie wirklich gegeben?“
Anstelle einer Antwort presste Niola ihre Lippen fest aufeinander, sodass sie nur noch ein roter Strich in ihrem blassen Gesicht waren. Irgendetwas ließ Stella innerlich erzittern. Vielleicht war es die eisige Kälte, welche die Reiterin mit einem Mal ausstrahlte, noch mehr als üblich. Oder es war der Blick, den sie dem gegenüberliegenden Schneegipfel zuwarf und wohl selbst Alexander dazu gebracht hätte, sich in die Rüstung zu machen. 
Und doch wollte sie es wissen. Sie musste es wissen. 
„Aber ... warum hat der Himmel das zugelassen?“, fragte sie vorsichtig und ließ die Reiterin nicht aus den Augen. „Warum hat er zugelassen, dass solch mächtige Magie auf dem Menschenstern ausstirbt? Warum hat er zugelassen, dass das Gleichgewicht gestört wird? Ich dachte, der Himmel irrt nie?“
„Natürlich tut er das nicht, Estella“, sagte Niola streng. 
Ihre schmale Augenbrauen hatten sich in eine gefährliche Schräglage begeben. Die Augen waren düster und schienen Stella einsaugen zu wollen. Ja, genau wie das tiefe, endlose Loch des Vulkans. Genau so. Und dann meinte sie - nur für einen kurzen Moment - etwas über Niolas Gesicht huschen zu sehen, was sie niemals bei der Reiterin des Todes erwartet hätte. Eine Emotion so überaus menschlich. Doch sie verschwand, noch bevor sie gänzlich an die Oberfläche kommen konnte. Und vielleicht hatte sie sich auch getäuscht. 
„Würde der Himmel sich irren“, sagte Niola mit einer Stimme so eisig wie der Wind, welcher durch die Täler pfiff. „Dann wären wir alle verloren.“